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Die Orgel der Kirche St. Marien-Magdalenen wurde 1869 vom Weißenfelser Orgelbauer Friedrich Ladegast erbaut und blieb seit dieser Zeit unverändert. Sie zählt zu den schönsten romantischen Instrumenten in Deutschland und gehört zugleich zu den besterhaltenen Werken des damals schon weltbekannten Orgelbauers. Der Innenraum der Kirche St. Marien-Magdalenen wurde seinerzeit eigens umgestaltet, damit die neue Orgel in ihm klanglich und optisch bestens zur Geltung kommen konnte. Raum und Orgel sind heute unverändert als historische Einheit erhalten und stellen somit einen einmaligen Denkmalwert dar.

Die Ladegastorgel von St. Marien-Magdalenen ist prädestiniert für Orgelmusik der Romantik und bildet damit in Naumburg eine perfekte Ergänzung und Weiterentwicklung der klanglichen Möglichkeiten ihrer großen "Schwester", in der Stadtkirche St. Wenzel, der spätbarocken Hildebrandt-Orgel von 1746.

Den festlichen Auftakt des Programms bildet Felix Mendelssohn Bartholdys Präludium und Fuge in c-Moll Op. 37/1, veröffentlicht im Frühjahr 1837. Das Werk steht in vielfältiger Beziehung zu London, was schon die Widmung an Thomas Attwood, den Organisten der Londoner St. Paul’s Cathedral, zeigt. Die Fuge geht zurück auf eine Improvisation Mendelssohns in St. Paul’s Cathedral einige Jahr zuvor. Der Eindruck der Musik Johann Sebastian Bachs, für deren Wiederentdeckung sich Mendelssohn sich seit den 1820er Jahren unermüdlich einsetzte, ist in "Präludium und Fuge c-Moll" stark zu spüren: Hinsichtlich thematischer Rhetorik, kontrapunktischer Schreibweise und formaler Stringenz erinnert es sehr an Vorbilder Bachscher Musik.

Die Klangwelt der Ladegast-Orgel von Marien-Magdalenen in all ihren Subtilitäten ausschöpfen soll eine improvisierte Phantasie und Fuge über den Choral "Christ lag in Todesbanden". Nicht umsonst bildet dieser Choral das Motto des Orgelkonzertes zur Osterzeit in St. Marien-Magdalenen, das den Reigen der Konzerte der Musik an St. Wenzel im Reformationsjahr 2017 eröffnet. Im Zentrum der Konzertsaison 2017 stehen die Choräle der ersten protestantischen Kirchenordnung für St. Wenzel Naumburg von 1537/38, die die Konzerte zum Kirchenjahr, den Internationalen Orgelsommer und die Hildebrandt-Tage wie ein roter Faden durchziehen, indem sie in Bearbeitungen aus fünf Jahrhunderten erklingen. Martin Luthers Osterlied "Christ lag in Todesbanden" entstand 1524 und ist von Melodie und Text her eng an "Christ ist erstanden" angelehnt. In der Kirchenordnung für St. Wenzel Naumburg von 1537/38 findet sich "Christ lag in Todesbanden" mit dem Hinweis, dass dieser Choral zu Ostern nach der Epistel gesungen werden soll. An späterer Stelle im Programm erklingt eine weitere, improvisierte Choralbearbeitung über dieses Osterlied.

"Am 24. April [1845] erhielten wir ein Pedal unter den Flügel zur Miete, was uns viel Vergnügen schaffte. Der Zweck war uns hauptsächlich, für das Orgelspiel zu üben. Robert fand aber bald ein höheres Interesse für dies Instrument und komponierte einige Skizzen und Studien für den Pedalflügel, die gewiss großen Anklang als etwas ganz Neues finden werden." schreibt Clara Schumann in ihrem Tagebuch. Robert Schumanns "Skizzen für den Pedalflügel" Op.58 entstanden in einer Phase im Jahr 1845, in der sich Schumann, in tiefer Verehrung für Johann Sebastian Bach, sowohl verstärkt dem Kontrapunkt als auch den neuen Möglichkeiten des Pedalflügels widmete. "Offen gesagt, ich lege einiges Gewicht auf die Idee, und glaube, dass sie mit der Zeit einen neuen Schwung in die Claviermusik bringen könnte" schreibt er im Mai 1845. Auch wenn dieses Instrument auf Dauer keinen Platz in der Musikpraxis fand, stellen Schumanns Werke für Pedalflügel einen bemerkenswerten Schritt in der Entwicklung der Orgelmusik hinsichtlich der Übertragung pianistischer Prinzipien auf das Orgelspiel dar, was sich bei Franz Liszt fortsetzen sollte:

Wiederum war es Johann Sebastian Bach, der - diesmal mit seinen Tonbuchstaben - Inspirationsquelle war für das zum Abschluss erklingende Orgelwerk "Präludium und Fuge über B-A-C-H", komponiert von Franz Liszt für die Einweihung der heute weltberühmten Ladegast-Orgel des Merseburger Domes (1855). Allerdings wurde das Manuskript erst nach dem Festkonzert fertig und erschien 1859 in Holland. Im Orgelkonzert zur Osterzeit erklingt das Werk in seiner Zweitfassung von 1872, die heute zumeist gespielt wird. Die Art, wie Liszt die Orgel behandelt, ist sehr pianistisch und war für die damalige Zeit geradezu revolutionär. Von beiden Orgel-Versionen existieren eigene Klaviertranskriptionen des Komponisten. Auch wenn die Naumburger Ladegast-Orgel um einiges kleiner ist als Ladegasts Werk im Merseburger Dom, bietet sie die ideale Klangwelt für Liszts visionäres Orgelschaffen. Hierbei lässt sich Friedrich Ladegasts Meisterschaft als Orgelbauer am besten erleben. Bezaubernde Schönheit jeder einzelnen Stimme bei gleichzeitiger Möglichkeit zu stufenlosem Crescendo und Decrescendo, Poesie und zugleich Monumentalität, Klarheit und zugleich Verschmelzungsfähigkeit des Orgelklangs - all das lässt nur einen Schluss zu, den auch Albert Schweitzer 1958 zog: Ladegasts Orgelbaukunst ist "einzigartig"!

(David Franke)

 

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Orgelabnahme
durch Bach und Silbermann