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Im Fokus des zweiten Orgelsommer-Konzertes stehen kontrapunktische Werke unterschiedlicher Couleur. Gemein ist allen, im Laufe des 17. Jahrhunderts entstanden zu sein - einer Blütezeit der musikalischen Entwicklung in Europa, in deren Zentrum der norddeutsche Raum als Schmelztiegel von entscheidender Bedeutung war. Neben der Verdeutlichung dieser Übergangszeit des Stile Antico zum Stile Moderno spürt Maurizio Croci zwei Musikerpersönlichkeiten mit enger Verbindung zur Stadtkirche St. Wenzel nach - Michael Praetorius und Samuel Scheidt.

Scheidt verbrachte zwar fast sein gesamtes Leben in Halle/Saale, studierte aber eine Zeit lang in Amsterdam bei Jan Pieterszoon Sweelinck, so dass sein kompositorischer Stil stark von der norddeutschen Tradition beeinflusst ist. Seine Toccata aus der berühmten Sammlung Tabulatura Nova zeigt eine deutliche Verwandtschaft zu Sweelincks Toccaten. In der fünfteiligen Anlage werden zwei imitatorische Teile von drei freien Abschnitten im virtuosen Toccatenstil umrahmt. Das kaleidoskopartig schillernde, faszinierende Clavierwerk basiert auf einem Choralthema, welches häufig in Scheidts Gesamtschaffen zu finden ist und sein persönliches Motto gewesen sein mochte: „In te, Domine, speravi“.

Michael Praetorius’ Passameze & Gaillarde findet sich in dessen Terpsichore (benannt nach der Muse des Tanzes in der griechischen Mythologie), einer Sammlung von größtenteils französischen Tänzen, welche sich bis heute als wertvolle Quelle des französischen Tanzrepertoires zu Beginn des 17. Jahrhunderts erweist. In Bezug auf die instrumentale Besetzung gibt Praetorius nur spärliche Auskunft. Sowohl geigende als auch blasende Instrumente werden erwähnt, die anderweitige Adaption war jedoch selbstverständlich.

Heinrich Scheidemann (ein weiterer Schüler Sweelincks) war eine zentrale Persönlichkeit des Hamburger Musiklebens, von welchem hauptsächlich Orgelwerke überliefert sind. Diese zeichnen sich durch eine einheitlich-ruhige rhythmische und figurative Gestaltung, sowie der Lust an Experimenten und kombinatorischem Spiel aus. Die beiden zu hörenden Praeludien trugen in erster Linie eine liturgische Funktion, was sich auch in dem eher improvisatorischen Charakter manifestiert.

Mit Girolamo Frescobaldi tritt daraufhin einer der wichtigsten italienischen Musiker des 17. Jahrhunderts in Erscheinung. Als Organist am römischen Petersdom verbreitete sich sein Ruhm nach den ersten Veröffentlichungen rasch in ganz Europa und führte ihm viele Schüler zu. Neben ausschweifenden improvisatorischen Passagen, einer enormen Virtuosität im Wechsel mit eher introvertierten und meditativen Abschnitten, zählen kontrapunktische Imitationstechniken, ein teils aber auch geradezu kühner kompositorischer Ansatz zu seinen Stilmitteln.

Eine eigenartige Sonderstellung im norddeutschen Repertoire nimmt die Musik von Matthias Weckmann ein. Laut Johann Mattheson konnte Weckmann "die prätorianische (gemeint Jacob Praetorius) Ernsthaftigkeit mit einer scheidemannischen Lieblichkeit mäßigen; und also viele neue galante Erfindungen einführen". Gewisse Berührungspunkte zeigen sich ebenso zur Musik Samuel Scheidts. Seine Toccaten und Canzonen verweisen darüber hinaus auch auf Kenntnis der zu diesem Zeitpunkt neuartigen südländischen (italienischen) Clavierkunst.

Den Abschluss bildet Dietrich Buxtehudes Toccata in d, einem ernsten und auf Grund der kompromisslosen Expressivität geradezu als düster zu bezeichnenden Stück. Ebenso genial wie exzentrisch dominieren die improvisatorischen Teile. Diesen zur Seite gestellt wirken die imitatorischen Abschnitte jedoch nicht als Ruhepunkte, da auch jene scheinbar alles Sangliche und Bequeme zu vermeiden suchen. Somit stellt diese Toccata eines der extremsten Beispiele des norddeutschen stylus phantasticus dar.

 

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Orgelabnahme
durch Bach und Silbermann