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Das 4. Konzert im Rahmen des Internationalen Orgelsommers an St. Wenzel 2017 "500 Jahre Reformation - 500 Jahre Musik an St. Wenzel" findet als Festkonzert für Viola da gamba, Barockharfe und Orgel zu Johann Sebastian Bachs Todestag, dem 28. Juli, statt. Unter dem Motto "Vor deinen Thron tret' ich hiermit" stehen hierbei Werke von Johann Sebastian Bach und seinen Schülern an St. Wenzel im Fokus.

Weiterhin wird im Konzert aus Briefen Johann Sebastian Bachs, Carl Philipp Emanuel Bachs, Johann Ludwig Krebs' und Johann Christoph Altnickols nach Naumburg gelesen, die sich noch heute im Original im Naumburger Stadtarchiv befinden.

Die Hildebrandt-Orgel von St. Wenzel, an deren Planung und Abnahme 1746 Johann Sebastian Bach maßgeblich beteiligt war, gilt als Idealinstrument für die Wiedergabe von Bachs Orgelmusik. Gleichwohl gab es bereits einige Jahre vor der Erbauung des Instrumentes Beziehungen von Bach-Schülern und Mitgliedern der Bach-Familie nach Naumburg:

Im Jahr 1733 bewarben sich mit Carl Philipp Emanuel Bach, Johann Ludwig Krebs und seinem Vater Johann Tobias Krebs drei Bach-Schüler um die Organistenstelle an St. Wenzel, damals noch an der Thaysner-Orgel, dem Vorgänger-Instrument der heutigen Hildebrandt-Orgel. Keiner der drei noch heute berühmten Musiker war mit seiner Bewerbung erfolgreich, stattdessen wurde Johann Christian Kluge gewählt. Mit Blick auf einen so herausragenden Kandidaten wie Carl Philipp Emanuel Bach ist das aus heutiger Sicht kaum zu verstehen - vielleicht war aber auch seine Verwechslung, sich im Anschreiben um die Organistenstelle "an der St. Petri u. St. Pauli Kirche" (also dem Naumburger Dom) anstatt "an der Stadtkirche St. Wenzel" zu bewerben, dem Erfolg seiner Bewerbung nicht zuträglich.

Nachdem zu Konzertbeginn Johann Sebastian Bachs Fantasie und Fuge g-Moll BWV 542 erklingt - die Fantasie entstand wohl unter dem Eindruck des Todes seiner ersten Ehefrau Maria Barbara und geht in ihrer schmerzlicher Chromatik weit über ihre Zeit hinaus, die Fuge improvisierte Johann Sebastian Bach wohl 1720 anlässlich einer eigenen Bewerbung um die Organistenstelle an St. Jacobi Hamburg - erklingt mit "Jesu, meine Freude" ein Werk Johann Ludwig Krebs' im für ihn typischen galanten Stil.

Es schließt sich Carl Philipp Emanuel Bachs "Sonata in C-Dur" für Viola da Gamba e Basso an, die Carl Philipp für für das Zusammenspiel mit Ludwig Christian Hesse, Gambenlehrer des Preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm und neben Carl Friedrich Abel (s.u.) einer der größten Gambisten seiner Zeit, schrieb. Im anschließenden Orgelwerk Carl Philipps klingen starke Reminiszenzen an Vater Bach an: Stellenweise meint man, in der Fantasie c-Moll Passagen und Chromatik aus der zu Konzertbeginn erklungenen Fantasie g-Moll J.S. Bachs wiederzuentdecken, und auch in der Fuge zeigt sich Carl Philipp als gelehriger Schüler seines Vaters.

Die nun erklingende Sonata g-Moll für Viola da gamba und Basso Carl Friedrich Abels zählt zum Opus ultimum des Komponisten, der Second Pembroke Collection, die von Thomas Fritzsch im Jahre 2012 wiederentdeckt und erstaufgeführt wurde. Im Konzert musiziert sie Thomas Fritzsch auf einem Instrument von 1784, dessen erster Besitzer der Abel-Vertraute Joachim Carl Graf Maltzan war, preußischer Gesandter in London und begeisterter Amateur-Gambist.

Geboren wurde Carl Friedrich Abel in Köthen, wo sein Vater als „Premier-Musicus“ in Johann Sebastian Bachs Hofkapelle wirkte. Johann Sebastian Bach empfahl Carl Friedrich Abel 1748 erfolgreich für eine Anstellung in der Dresdner Hofkapelle.

Im selben Jahr empfahl Bach - nach dem unrühmlichen Abschied Johann Christian Kluges, der 1733 anstatt Carl Philipp Emanuel Bachs und anderer kompetenter Kandidaten zum Organisten an St. Wenzel gewählt worden war, zum Schluss jedoch vom Rat der Stadt Naumburg wegen "liederlicher Amtsführung" abgemahnt wurde - seinen Schüler und Schwiegersohn Johann Christoph Altnickol als Organisten der neuerbauten Hildebrandt-Orgel nach St. Wenzel Naumburg.

Von Altnickol ist mit dem Ricercare in C ein Werk im vollen Plenumklang der Orgel zu hören. Altnickol war es auch, dem Johann Sebastian Bach laut seines ersten Biografen Johann Nikolaus Forkel die letzten Änderungen in "Vor deinen Thron tret' ich hiermit", legendenhaft als "Bachs Sterbechoral" bezeichnet, vom Sterbebett aus "in die Feder dictirt(e)".

Nachdem zu Konzertbeginn Johann Sebastian Bachs Fantasie g-Moll zu hören waren, erklingt zum Schluss die Fantasie G-Dur des letzten Bach-Schülers Johann Gottfried Müthel.

Müthel, der 1750 nur noch drei Monate bei Bach Unterricht genießen konnte, setzte seine Studien nach Bachs Tod bei Johann Christoph Altnickol an der Hildebrandt-Orgel von St. Wenzel Naumburg fort. Die Studienzeit bei Bach hatte die Möglichkeit geboten, kompositorisch zu reifen, zugleich hatte deren Kürze aber wohl verhindert, dem übermächtigen Vorbild Bachscher Musik - wie manch anderer Bach-Schüler - epigonenhaft zu erliegen. In Müthels Musik zeigt sich ein ganz individueller, galanter Stil, der auf geniale Weise improvisatorischen Charakter besitzt und mit den musikalischen Ausdruckswelten eines Johann Sebastian Bach nur noch wenig gemein hat. Da Müthel Zeit seines Lebens - nach mehreren musikalischen Stationen war er am Ende Organist der Kathedrale St. Petri in Riga - neben der Hildebrandt-Orgel von St. Wenzel Naumburg nur noch eine weitere dreimanualige Orgel zur ausgiebigeren Verfügung hatte, seine Kompositionen angesichts feinnuancierter, schneller Dynamikwechsel aber mit einem großen, dreimanualigen Instrument rechnen, gilt die Hildebrandt-Orgel von St. Wenzel als bedeutendes Referenzinstrument für Johann Gottfried Müthels Orgelmusik.


 

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Orgelabnahme
durch Bach und Silbermann